Ein Plan für jedes Leben?

Hast du dich schon mal gefragt, ob Gott für jedes Leben, d.h. für jedes einzelne Individuum mit seiner ganz persönlichen Biographie, einen besonderen Plan hat. Oder gibt es da nicht auch ein paar Biographien, die vor allem durch ihre Unsichtbarkeit und Gewöhnlichkeit auffallen, und nicht durch eifrigen Tatendrang und großartige Ergebnisse. Es kann doch nicht hinter jedem Leben ein größerer Plan verborgen liegen, der dieses Leben insgeheim dirigiert und motiviert. Manche Leben existieren doch bestimmt einfach nur so in der Komfortzone der gesellschaftlichen Masse, ohne jemals wirklich gesehen und bemerkt zu werden, versteckt durch all die Ausreden, dass man doch nur ein kleines, unbedeutendes Lichtlein unter vielen sei, die heller strahlen. Oder ist es vielleicht anders?

Im Jahr 1505 leistete ein junger Mann, dessen Vater eigentlich von ihm erwartete Jura zu studieren, ein Gelübde um Mönch zu werden. Zu Tode geängstigt von einem umherwütenden Gewitter übergab er sein Leben in Gottes Hände, wenn dieser ihn nur beschützen möge, so heißt es. Dieser junge Mann hieß Martin Luther und dieses Jahr feiern wir das große Jubiläum der auf ihn begründeten Reformation der Kirche, denn am 31. Oktober 1517 soll er seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Kirche geschlagen haben. Reformation, das bedeutet Umgestaltung oder Erneuerung, weil Luther die Kirche des 16. Jahrhunderts vollkommen hinterfragte und schließlich revolutionierte, wodurch sich erstmals protestantische Kirchen formierten. Während des Lesens des Römerbriefs kam Luther die Erkenntnis, dass der Mensch vor Gott nicht gerecht werden konnte, indem er einen sogenannten Ablassbrief von der Kirche erwarb (denn das war die damalige Praxis), sondern schlicht durch Glaube, wie es im Römerbrief heißt. Der Weg zum Himmel führt nicht über ein käuflich erworbenes Stück Papier, nicht einmal dann, wenn eine heilige Institution dies verkündet; der Weg in den Himmel basiert im Kern auf Glauben. Und Buße ist nicht an einzelne Leistungen gebunden, sondern an eine innerliche Haltung.

Luthers Erkenntnis mag für uns heute wenig spektakulär klingen, zu seiner Zeit jedoch, war sie ein hochexplosives Pulverfass, da er mit seiner Meinung vollkommen allein da stand, während ihm gegenüber der wohl mächtigste Gegner der damaligen Zeit stand: die Kirche. Das Besondere an der Person Luther ist, dass er als Einzelperson gegen ein Kollektiv operierte. Doch er ließ sich nicht von der Bedrohlichkeit und Mächtigkeit der Kirche einschüchtern, sondern er stand für seine Meinung ein. Durch seine Beharrlichkeit geriet der Stein ins Rollen, den wir im Rückblick als Reformation bezeichnen. Wenn wir dieses Jahr das 500-jährige Jubiläum der Reformation feiern, dann klingt das, als würden wir eine Bewegung feiern, eine große Gruppe gleichgesinnter Personen, die gemeinsam für ein höheres Ziel kämpften, wie bei der Französischen Revolution zum Beispiel. Aber eigentlich ist das anders. Eigentlich geht die Reformation im Kern allein auf Luther zurück, der den persönlichen Glauben eine höhere Priorität gegenüber dem Ablasshandel der katholischen Kirche einräumte.

Und damit sind wir wieder am Anfang dieser Geschichte, im Jahr 1505, als der junge Luther, der eigentlich Jura studieren sollte, voller Angst aufgrund der draußen tobenden Natur, seinen Glauben zu Gott bezeugte. Das Jahr 1517 mag das Schlüsseljahr der Lutherischen Reformation sein, aber was ist mit diesem Jahr zuvor? Dem Jahr 1505? Luther wusste nicht, was aus ihm werden würde, ob er ein guter Mensch werden würde, ein frommer Mönch, ob er jemals etwas Großes erreichen würde, geschweige denn, dass er eine reformatorische Bewegung einleiten würde. Er wusste nicht einmal, ob er diese eine Nacht überleben würde, so verheerend tobte das Unwetter vor seiner Tür. Doch Luther traf eine Entscheidung für Gott. Und indem er diese Entscheidung traf, wurde sein Einzelschicksal Bestandteil eines größeren Plans. In diesem Punkt unterscheidet sich das Leben des „großen“ Luthers nicht von unseren „kleinen“ Leben, die wir in der Behaglichkeit der Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit vollbringen. Wenn wir uns selbst als zu gewöhnlich oder als nicht gut genug bezeichnen, um von Gott mit einem Plan bedacht zu werden, dann reduzieren wir nicht nur uns selbst, sondern diesen Gott gleich mit. Luther wusste nicht, welche Konsequenzen seine Entscheidung mit sich bringt, doch er glaubte. Wir können ebenso wenig wissen, welche Folgen unser Glaube bringt, aber wir wissen, dass wir dadurch ganz gewiss Teil eines Plans sind. Vielleicht ist dieser Plan, der unserem Leben zugrunde liegt, nicht so gigantisch, dass man ihn noch 500 Jahre später gedenken wird, aber er ist dennoch gigantisch in Gottes Plan, denn in diesem ist er Teil eines größeren Ganzen. Wir müssen keine Kirche reformieren, aber vielleicht reformieren wir mit unserer Entscheidung für Gott etwas ganz anderes, das am Ende genau so bedeutend ist, denn hinter jedem Leben steckt ein großer Plan.

Mike

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